Der Bauturbo: Rohrkrepierer oder Anlaufschwierigkeiten?
Mit der Reform des Baugesetzbuchs und der Einführung des sogenannten „Bauturbos“ hat der Bund im Herbst 2025 ein Instrument geschaffen, das den Wohnungsbau deutlich beschleunigen soll. Ziel der Regelung ist es, Kommunen mehr Handlungsspielraum zu geben, um Wohnbauprojekte schneller zu genehmigen und zusätzliche Wohnungen zu schaffen.
Der Bauturbo ermöglicht es Städten und Gemeinden unter anderem, von bestehenden Bebauungsplänen abzuweichen oder in bestimmten Fällen ganz auf deren Änderung zu verzichten. Dadurch können Projekte schneller genehmigt werden und langwierige Planungsverfahren entfallen.
Diese Flexibilisierung ist dringend notwendig: In Deutschland fehlen weiterhin hunderttausende Wohnungen. Gleichzeitig dauern Planungs- und Genehmigungsverfahren oft viele Jahre.
Wie stark wird der Bauturbo bisher genutzt?
Obwohl das Instrument erst seit 30. Oktober 2025 in Kraft ist und bis 2030 befristet gilt, zeigt sich bereits ein gemischtes Bild. Viele Kommunen prüfen derzeit noch, ob und wie sie die neuen Regelungen anwenden.
Studien und erste Befragungen zeigen:
– In einer Untersuchung mit mehreren deutschen Städten (u. a. Hannover, Dortmund, Leipzig und Wiesbaden) äußerten viele Verwaltungen deutliche Zurückhaltung gegenüber einer schnellen Anwendung.
– Planungsämter sehen zwar Reformbedarf, warnen jedoch vor rechtlichen Unsicherheiten und offenen Fragen bei der Umsetzung.
– Bundesweit befinden sich zahlreiche Kommunen noch in der Prüf- oder Vorbereitungsphase, während nur ein kleiner Teil bereits konkrete Grundsatzbeschlüsse vorbereitet.
Ein aktuelles Beispiel ist Dresden, wo derzeit ein Grundsatzbeschluss vorbereitet wird, um den Bauturbo künftig systematisch für Wohnbauprojekte einzusetzen. Die Stadt geht davon aus, dass bis 2035 rund 21.000 neue Wohnungen benötigt werden, weshalb beschleunigte Verfahren dringend notwendig sind.
Praxisbeispiel Hamburg- Erwartungen treffen auf Umsetzungshürden
Hamburg gehört zu den Städten, die sich frühzeitig mit der Anwendung des Bauturbos befassen. Die Stadt Hamburg hat bereits eine Handreichung zur Anwendung des Wohnungsbau‑Turbos bereitgestellt, um Behörden und Projektbeteiligte in der Praxis zu unterstützen.
Trotz dieser Leitfäden zeigt die Realität eine deutlich zurückhaltende Umsetzung:
– Die Regelung ist technisch verfügbar, doch der tatsächliche Einsatz des „Turbos“ in konkreten Verfahren bleibt spürbar gering.
– In ersten Fällen wurden zahlreiche Anträge gestellt – bis heute wurden in manchen Bezirken noch keine Bauprojekte auf Basis des Bauturbos abgeschlossen oder genehmigt. Laut lokalen Berichten sollen mehrere Dutzend Wohnbauanträge liegen, die entweder abgelehnt wurden oder weiterhin in Prüfung stehen.
Diese Situation zeigt, dass der „Turbo“ nicht automatisch zu schnelleren Entscheidungen führt, wenn weiterhin Unsicherheiten in den Verfahren bestehen und Verwaltungsressourcen stark ausgelastet sind.
Stimmen aus der kommunalen Praxis
Der Bundesverband Integrales Bauen hat in den vergangenen Monaten mehrere Kommunen zum Umgang mit dem Bauturbo befragt.
Das Ergebnis fällt derzeit überwiegend kritisch aus:
– Viele Städte und Gemeinden sehen zwar die Chancen des Instruments.
– Gleichzeitig überwiegt jedoch die Sorge vor rechtlichen Risiken und möglichen Klageverfahren.
– Insbesondere kleinere und mittlere Kommunen fühlen sich häufig unsicher, wie weit sie die neuen Spielräume tatsächlich nutzen dürfen.
Diese Einschätzung deckt sich auch mit externen Analysen, nach denen zahlreiche Kommunen das Instrument derzeit eher vorsichtig prüfen als aktiv einsetzen.
Erfahrungen aus der Wohnraumförderung in der Region Hannover
Im Zuge der Neuaufstellung der Wohnraumförderung der Region Hannover waren verschiedene Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Planungspraxis beteiligt.
Als Geschäftsführer des Bundesverbandes Integrales Bauen e.V., habe ich im Austausch mit Fachleuten und regionalen Akteuren an der Weiterentwicklung der Förderstruktur mitwirken dürfen.
Aus dem Kreis der Beteiligten wurde dabei ein klarer Hinweis formuliert, der auch bundespolitisch relevant ist:
Der Bund muss die Kommunen stärker über die Möglichkeiten des Bauturbos informieren und ihnen mehr Sicherheit in der Anwendung geben.
Viele Kommunen nehmen den Bauturbo derzeit nicht als Chance wahr, sondern vor allem als juristisches Risiko. Die Angst, Fehler zu machen oder sich in langwierige Rechtsstreitigkeiten zu verstricken, führt dazu, dass vorhandene Handlungsspielräume oft ungenutzt bleiben.
Fazit: Der Bauturbo braucht mehr Rückenwind
Der Bauturbo kann ein wirkungsvolles Instrument sein, um den dringend benötigten Wohnungsbau zu beschleunigen.
Doch damit das gelingt, braucht es:
– mehr Information und Beratung für Kommunen,
– praxisnahe Leitfäden und Musterverfahren,
– Rechtssicherheit für Verwaltung und Planung,
– sowie eine aktive Kommunikation des Bundes über Chancen und Anwendungsmöglichkeiten.
Nur wenn Städte und Gemeinden die neuen Instrumente auch tatsächlich nutzen, kann der Bauturbo dazu beitragen, die Wohnungsbaukrise zu entschärfen.
Ihr Mitwirken
Als Geschäftsführer des Bundesverbandes habe ich die bisherigen Praxiserfahrungen bereits beim Städte- und Gemeindebund platziert.
Ich möchte Sie darum bitten, dass Sie mir Ihre Erfahrungen -gerne auch aus dem Netzwerk- zum Bauturbo mitteilen, so dass wir den Druck hier nochmals erhöhen können.
Mit besten Grüßen
Martin Jausch
Geschäftsführer